Tobias Moretti spielt den tricksenden und mogelnden Bergfex. Das Biopic geht der Frage nach, warum Trenker all den Schwindel in Szene setzte. Besonders geschickt inszeniert, ist Trenkers zwiespältiger Umgang mit den Nationalsozialisten – als Kollaborateur und Widerständler.

 

Als Geschichtenerzähler der Nation begeistert Luis Trenker ein Millionen-Publikum. Der Märchenonkel entdeckt im Deutschland der Nachkriegszeit das Fernsehmedium für sich. Ab 1959 tritt Trenker in „Luis Trenker erzählt“ des Bayerischen Rundfunks auf und erzählt packend schwungvoll Anekdoten aus der Kriegszeit. In den Siebzigern ist Trenker nicht nur im TV etabliert, sondern eine hochgeachtete Größe in Sachen Berg- und Alpinfilm. So veröffentlicht er zahlreiche Sachbücher und Geschichten über die Berge und das Bergsteigertum. Man könnte sogar meinen, dass das Hochland ihn zum Geschichtenerzählen angetrieben hat.

 

Die Wahrnehmung eines Egomanen

Die TV-Perle „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“ wagt einen, wenn auch zu flachen, Einblick in das Seelenleben Trenkers. Gerne als Egomane und Selbstdarsteller bezichtigt, welcher er auch war, wird der Alpin-Experte am Ende selbst zum Produkt seiner Geschichten. Ob wahr oder falsch, ob sachlich oder überzogen, Trenker ist immer ein Getriebener. Regisseur Wolfgang Murnberger, im deutschen Sprachraum bekannt durch seine Wolf Haas-Verfilmungen, geht in „Der schmale Grat der Wahrheit“ der Frage nach, ob Trenker sich nicht auch selbst mit seinen Geschichten verblendete. Denn mit der Richtigkeit der Dinge scheint es der studierte Architekt nicht immer genau genommen zu haben.

 

Trenkers beste Geschichte

Die Murnberger-Produktion war 2015 auch in den österreichischen Kinos zu sehen, wenn auch nur kurz. Der Filmemacher bezieht sich in seinem Werk auf Trenkers größte Geschichte, die er jemals erzählen wollte:

In Form eines Drehbuchs verfälscht er die Tagebücher von Eva Braun, sozusagen der „First Lady“ des Deutschen Reichs. Trenker, dargestellt vom gebürtigen Tiroler Tobias Moretti, optioniert das Manuskript beim Venedig-Filmfestival 1948 seinem ehemaligen Produzenten Paul Kohner. Als Zuseher ist man sich über die Fälschung des Skripts bereits bewusst.

 

Eine Hass-Liebe mit Riefenstahl

Vielmehr lebt Murnbergers Film von seiner Titelfigur, die sich vor, während und nach dem Krieg immer wieder mit Schlitzohrigkeit und Schwindeleien durchschlägt. In der öffentlichen Fassade gibt er sich als knorriger Naturbursch. So wird Trenker „zur Symbolfigur für Berge, Alpen und Alpinismus“ wie Stefan König ihn in 100 Jahre Bergfilm – Dramen, Trick und Abenteuer beschreibt. Mit diesem Image hat Trenker aber auch zu spielen gelernt, um in der deutschen Filmindustrie der Zwischenkriegszeit Fuß zu fassen. Durch seinen Förderer und Regisseur Arnold Fanck kommt er in die illustre Schar des deutschen Films. In dieser macht er Bekanntschaft mit einer gewissen Leni Riefenstahl.

Riefenstahl noch weit weg von ihren NS-Propagandafilmen wird als Tänzerin auf den Bozener Gipfelstürmer aufmerksam. Einer stürmischen Affäre folgt rasch eine Trennung, Hass-Liebe und am Ende eine Rivalität. Ob es nun um die Gunst der NS-Elite, um Fördergelder für Filmproduktionen oder Prestige-Projekte geht. Murnberger lässt diesen Zweikampf zwischen den Ex-Partnern immer wieder lodern und aufflammen. Höhepunkt und Ende dieses Zwists ist die Gerichtsverhandlung um die gefälschten Braun-Tagebücher. Denn Trenker soll in seiner Fälschung auch eine Liaison zwischen Riefenstahl und Adolf Hitler im Umlauf gebracht haben.

 

Wie ein Berg alles überdauern

Der Aufruhr um die gefälschten Braun-Tagebücher und das verjüngte Medieninteresse an Riefenstahl als Hitlers Lieblings-Filmemacherin und angebliche Geliebte helfen ihr nicht: Wie ihrem Rivalen Trenker fällt es auch ihr schwer Filme im Nachkriegs-Deutschland zu realisieren. Doch bei Trenker ist die Distanz zur NS-Führung um Hitler und Reichs-Propagandaminister Joseph Goebbels stärker zu spüren. König begründet sein filmisches Comeback damit, dass „Trenker eine Kultfigur, ein Original“ war mit dem „noch immer Geld zu verdienen war“. So überlebt er Hitler und Goebbels.

Bei beiden hatte Trenker seinen Status vom Bergfilmer mit nationalem Bewusstsein gründlich verspielt. Dafür gibt es zwei Gründe, warum Trenker bei Goebbels in Ungnade fällt: Zum einen erkennt der NS-Propagandaminister, dass der Bozener Filmemacher sich nicht gerne politisieren und instrumentalisieren lässt. Der andere Grund ist Trenkers Entscheidung in der Optionsfrage, ob er als Südtiroler sich dem faschistischen Italien oder dem national-sozialistischen Deutschland anschließt. Nach langem Zögern optiert er 1940 für das Deutsche Reich, wobei er von diesem bereits als „deutschfeindlich“ eingestuft wird.

 

Ein Original mit vielen Fassaden

Trenkers Hinhalten, Zögern und Vorgaukeln zeigt, dass er wie kein anderer zwischen politischen Strömungen und Ideologien springen konnte. Die Dokumentation „Luis Trenker – Ein Mann und seine Legenden“, welche unter Regie von Karin Duregger mit „Der schmale Grat der Wahrheit“ co-produziert wurde, gibt einen Einblick auf Trenker als öffentliche Person sowie als Privatmann. Als einen „Mann mit vielen Brechungen“ beschreibt ihn der deutsche Journalist König. Trenkers Wechsel von Identitäten, seine schauspielerischen Fähigkeiten sowie sein berechnender Geschäftssinn stützen die Fassade des Originals und Selbstdarstellers.

 

Die Berge, nur eine Kulisse

Einen ersten Bezug zur Filmindustrie bekommt Trenker von Fanck geboten. Zu der Zeit versteht er wie kein anderer Filmemacher seiner Zeit, die Berge und Gipfel eindrucksvoll in Szene zu setzen. 1924 greift der Filmemacher auf Trenker als „Zweitbesetzung“ zurück – der Beginn von Trenkers Filmkarriere. Der Newcomer entdeckt auch die Bedeutung der Berge in den Jahren nach dem verlorenen Weltkrieg. Die Berge als Traum-Destination und die Bergfilme als Illusionen, um vom Schrecken der Kriegsjahre abzulassen. Von Fanck lernt Trenker das Geschichtenerzählen rund um den Berg. Trenker weitet diese Erzählungen auch um sich aus – sorgt so für seine eigene Legendenbildung.

 

Inszenierung wohin das Auge reicht

Doch die Schauspielerei reicht ihm nicht. Längst zieht es ihm auch hinter die Kamera. 1931 inszeniert er als Co-Regisseur und -Drehbuchautor neben Karl Hartl das Weltkriegs-Drama „Berge in Flammen“. In Dureggers Dokumentation wird ersichtlich wie er auch als Mann hinter der Kamera agierte. So waren Besetzung und Crew immer wieder seinen Schikanen ausgesetzt: Mit „Watschen und Fußtritten“ musste man bei einer Trenker-Produktion rechnen. Der Moretti-Film zeigt ihn dagegen als auffallenden Choleriker am Filmset, der die Statisten einer Feiertags-Prozession niedermacht, weil sie ihm seiner Meinung nach nicht „fröhlich“ genug wirken.

 

Der Feigling und Mogler

Die Gesichter des Luis Trenkers, ob vor oder hinter der Kamera, beeinflussen ihn nicht nur beruflich. Neben seinem Zwist mit Riefenstahl sind es auch Freundschaften, zu Weggefährten wie Kohner, die immer wieder belastet werden. Murnberger zeigt die beiden Filmschaffenden, Kohner und Trenker, im Zwiespalt – unklar wie sie mit den Nazis verkehren sollen. Als Jude distanziert sich Kohner und bezeichnet Trenker im Film als einen „Feigling“ und „Mogler“. Der Bergfilmer und Opportunist sympathisiert nicht nur mit den Nazis, sondern tritt später auch der NSDAP bei.

 

Ein „mörderisches“ Vergnügen

In Venedig 1948 kreuzen sich wieder die Wege von Kohner und Trenker. Letzterer hält die gefälschten Tagebücher von Braun in der Hand. Kohner macht Trenker mit einigen US-Filmproduzenten bekannt, die an dem gefälschten Stoff kein Interesse hegen. Das Fälschen und Tricksen lässt Trenker trotzdem nicht in Ruhe: Die Duregger-Doku enthüllt Trenker auch als Kunstfälscher und Schwarzmarkt-Händler, der laut „Kunstfälscher“ Pepi Rifesser, „einen Mordsspaß an den Fälschungen hatte“. Vielleicht der plausibelste Grund warum Trenker sein ganzes Leben immer am schmalen Grat der Wahrheit wandert.

 

Weiterführende Links

  • Wikipedia – Luis Trenker

  • IMDb – Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit

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