Prochaskas Alpen-Western ist ein Sittenbild des bäuerlichen Berglebens. Als Heimatfilm zeigt er auch das Patriarchentum mit all seinen finsteren Facetten. Bis eines Tages ein Fremder ins Bergdorf einreitet und mit ihm ein Stück Technik und Fortschritt, die dieses autoritäre System bedrohen.

 

Die Roman-Verfilmung „Das finstere Tal“ ist nicht der erste Streifen, der die Welt der Bergbauern in all ihren Facetten zeigt. Andreas Prochaskas Inszenierung folgt Schemen und Mechanismen bäuerlicher Kultur, die auch in anderen Werken nah und spürbar dargestellt sind. So greift „Via Mala“ von Josef von Baky als eine der ersten deutschen Nachkriegs-Produktionen, ebenfalls eine Literatur-Verfilmung, das raue Bauernleben auf. Eine bekanntere Buchadaption ist Josef Vilsmaiers „Schlafes Bruder“, die sowohl in literarischer als auch in filmischer Form ein großer Erfolg wurde.

 

Der Heimatfilm als Western-Drama

Im Unterschied zu „Schlafes Bruder“ oder „Via Mala“ verkörpert „Das finstere Tal“ jedoch ein psychologisches Rache-Drama in Western-Manier:

Ein mysteriöser unbekannter Besucher kommt in das Dorf, nistet sich dort ein bis sich plötzlich herausstellt, er hat hier noch eine alte Rechnung zu begleichen. Wer die alten Clint Eastwood-Streifen kennt, entdeckt beim „Tal“ viele Ähnlichkeiten und Referenzen. Regisseur Prochaska und sein Co-Drehbuchautor Martin Ambrosch greifen auf viele Subgenres des Westerns zurück. So entsteht eine Mischung, die ein düsteres Sittenbild im Western-Stil zeigt.

 

Die Natur hat das Sagen 

Dieses düstere Sittengemälde ist im weiteren Sinne der „vermenschlichte Teil“ der Natur, die über alles ragt. Im Schatten der übermächtigen Berge, tief im finsteren Tal, findet der tägliche Überlebenskampf des Bergdorfs und dessen Bewohner statt. Die Allmacht der Natur und die Überwindung gegen ihre Gewalten beeinflussen den Menschenschlag. Es ist eine raue Welt in der man sich immer wieder vor der Urkraft hüten muss. Die Isolation des Bergdorfs in den Alpen wie in „Das finstere Tal“ dargestellt, zeigt aber auch eine eingeschworene Dorfgemeinschaft, die zusammen hält – auch wenn nur die Angst sie leitet.

Neben der Angst vor dem Unbekannten aber auch vor dem Fremden ist es der Überlebenswille, der die Dorfbewohner zusammenschweißt. Diese Urinstinkte, die hier wachgerufen werden, sorgen dafür, dass man als Teil einer Gemeinschaft nicht alleine dasteht. Man passt auf sich gegenseitig auf, hält aber zugleich auch Ausschau über das Tun und Treiben seiner Mitbewohner im Dorf. Trotzdem können die geschärften Sinne den Verstand trüben. Es ist ein menschlicher Nebeneffekt: Glaube vermischt sich mit Aberglaube. Dämonen, Geister und andere Unwesen versinnbildlichen die Schrecken der Natur.

 

Die Not, verursacht durch die Natur 

Der Glaube kann Berge versetzen, sagt man. In „Das finstere Tal“ bestimmt aber nicht der Glaube den Alltag. Dieser wird hier vom Dorfpfarrer Breiser, gespielt von Erwin Steinhauer, zu einem Mittel der Unterdrückung eingesetzt. So soll die fromme aber verängstigte Dorfgemeinschaft gefügig gemacht werden. Tatsächlich ist es einfach die Not der Bewohner, die auch das gesellschaftliche Leben des Dorfs beeinflusst: Ob es nun die Terrorherrschaft des Brenner-Bauern und seiner Söhne betrifft, die Krankheiten oder noch schlichter die ungesunde oder ungenügende Ernährung.

 

Die Bergwelt, eine Männerwelt 

Prochaskas „Das finstere Tal“ beruht auf den gleichnamigen Roman von Thomas Willmann, der das Dorf Ende des 19. Jahrhunderts zeitlich angesiedelt hat. Etwa in diesem temporären Stand ist auch die Filmhandlung angesiedelt. Der einsame und wortkarge Fremde namens Greider, der in das Dorf reitet, verfügt über ein 15-schüssiges Repetier-Gewehr der Marke Winchester aus dem Jahr 1873. Im Film ist die hochmoderne Waffe den Büchsen der Brenner-Söhne haushoch überlegen. Sie sind es auch, die als einzige in dem Dorf Gewehre tragen dürfen. Man kann davon ausgehen, dass auch der Film in dieser Dekade spielt.

Im Western-Genre führt „ein richtiger Mann“, immer eine Waffe mit sich. Dort ist sie auch ein Männlichkeits-Symbol. Aber Prochaska schöpft hier auch aus dem Fundus des Heimatfilms, der seine eigenen Merkmale trägt: Die Bergwelt ist eine Männerdomäne. In dieser Natur und Not profitiert das „Mannestum“, weil es auf seine Urpflichten reduziert wird. Der Mann als Beschützer, Versorger und Unterdrücker. Mit seinem Alpen-Western verdeutlicht Prochaska diese Situation, weil nur die Brenner Gewehre tragen. Sie sind nicht nur Männer, sondern Peiniger – die exekutive und selbstgerechte Gewalt des Patriarchen.

 

Patriarchaler Terror 

Ein starkes Erzählmotiv aus dem Berg- und Heimatfilm ist auch die väterliche Gewalt. Michael Wachtler erklärt in 100 Jahre Bergfilm – Dramen, Trick und Abenteuer, dass die heile Bergwelt auch immer von einem brutalen und trunksüchtigen Patriarchen heimgesucht wird. Dieser terrorisiert solange die Familie bis man „selbst alle Prinzipien vergißt und mordet“. Im Gegensatz  ist der Brenner-Patriarch, gespielt von Hans-Michael Rehberg, weder brutal noch ein Trunkenbold. Prochaska zeigt ihn, vielleicht etwas überspitzt, als einen bettlägerigen Paten, den die Vorahnung ereilt, dass sein Ende naht.

Als exekutive Truppe vom Brenner agieren hier dessen Söhne, die vom Ältesten, Hans Brenner, gespielt von Tobias Moretti, angeführt werden. Er ist es auch, der die Anweisungen persönlich von seinem Vater entgegennimmt. Eine davon betrifft die Eheschließung der weiblichen Hauptfigur Luzi, verkörpert von Paula Beer. Als die „Herren der Schöpfung“, fordern die Brenner nach jeder Hochzeit das „Recht der ersten Nacht“ ein. Prochaska zeigt hier ein Gesellschaftsbild, in dem die Frau auf ihre untergeordnete und gefügige Rolle beschränkt wird und zugleich mehrere Funktionen erfüllen muss.

 

Ein Fremder bringt nur Ärger 

Im Western ist der unbekannte und wortkarge Besucher fast schon ein klischeebeladenes Darstellungsmotiv. Die Figur des einsamen Helden wird aktiv und gewaltbereit in Szene gesetzt. Das wird dann vor allem im letzten Drittel und Showdown eines Cowboy-Films ersichtlich wird. In „Das finstere Tal“ verkörpert der junge Greider aber auch das Außerweltliche, dem die Bewohner nicht misstrauisch, sondern fast feindselig gegenüberstehen. Aber er interessiert sie: Sei es sein Auftreten, seine Manieren, sein Anderssein oder einfach seine Utensilien, die er mit sich führt. Greider bringt die Zivilisation mit sich – Technik und Fortschritt.

 

Beschwörung eines neuen „Menschengeists“

Zum einen ist es sein modernes Repetiergewehr, das er vorausschauend schon mal im Kuhstall seiner Gastgeber versteckt. Der andere Gegenstand ist Greiders Fotoapparat mit dem er Porträt- und Landschaftsaufnahmen macht. In Willmanns Roman ist Greider kein Fotograf, sondern Maler, der in die Berge geht um die richtige Motive für seine Zeichnungen zu finden. Prochaska baut hier das Medium Foto geschickt in den Film ein: Es verkörpert Fortschritt und Erhalt zugleich. Die Momentaufnahmen, die Greider hier schießt, verdeutlichen daneben  das Festhalten und Dokumentieren einer Ära und Tyrannei, die bald ihr Ende findet.

Das Gewehr wird den anderen Zweck erfüllen und das Patriarchentum beenden. Mit seiner Technik beschwört Greider aber nicht nur den zivilisierten und fortschrittlichen Menschengeist herbei, sondern auch die Zeit der Vergeltung. In kleinen Zügen ändert sich das Dorfleben mit dem Fremden, der mit seinem Fotoapparat für Aufruhr sorgt. Die wortkargen Dorfleute bekommen einen öffentlichen Raum sich auszudrücken, ob sprachlich oder gestisch und mimisch vor Greiders Kamera. Im Grunde kann man sagen, dass das alteingesessene Patriarchat durch Fortschritt und Technik beendet wird.

 

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