Der Alpen-Western wirft bei näherer Betrachtung einen Blick auf die Bergfotografie. Die Hauptfigur Greider spielt einen Fotografen, der für „Das finstere Tal“ gar nicht geplant war. Das Ablichten ist mit ein Grund, warum das Bergsteigen im 19. Jahrhundert so beliebt wurde.

 

Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ erklärt Andreas Prochaska, Regisseur von „Das finstere Tal“, warum die Hauptfigur Greider einen Fotografen spielt. Thomas Willmann, der die gleichnamige Buchvorlage verfasste, schildert den Rächer in dem Alpen-Western als einen beschaulichen Landschaftsmaler. Denn lange vor der Fotografie gibt es die Malerei, die der Impressionisten. Sie sind die ersten, neben den Schriftstellern, die es in die Berge zieht, um das Objekt ihrer Begierde im perfekten Licht einzufangen. Doch mit der Entwicklung der Lichtbildkunst ebbt diese Strömung deutlich wieder ab.

 

Fotografie löst viele Probleme

Das Medium der Fotografie und des Films ähneln sich. Beim einen wird ein Moment eingefangen und festgehalten während beim anderen ein Bewegungsablauf ersichtlich ist. Möglicherweise mit ein Grund, warum Prochaska seiner Greider-Figur den Pinsel und die Malpalette abnimmt und einen Kamerakasten in die Hand drückt. Diesen Bruch verdankt Prochaska seinem Co-Drehbuchautor Martin Ambrosch. Wir „fanden Malerei filmisch nicht so attraktiv“, so der Regisseur. Zum einen wollten die Filmemacher „die Neugierde der Eingeborenen“ auf Greiders „Kasten“ wecken. Aber auch dem alten Brenner, Greiders Gegenpart, die Gelegenheit geben, „sein Lebenswerk dokumentiert“ zu sehen.

Stefan Arndt, Prochaskas Co-Produzent vom deutschen X Filme Creative Pool, fügt hinzu, dass damit ein Umsetzungsproblem gelöst wurde. Für ihn ist es „ein genialer Einfall“ gewesen, „weil die Fotografie etwas sehr Westernmäßiges hat“. Eine weitere Hürde, die für die Filmemacher damit bewältigt wurde, betrifft den Malstil. Man konnte „der Frage aus dem Weg gehen“, ob „und in welchem Stil Greider seine Bilder auf die Leinwände bringt“. Willmanns Roman bleibt hier vage und konkretisiert nicht Greiders Malstil. Im Film spielt die Figur einen Fotokünstler, einen Daguerreo-Typisten.

 

Der Drang nach Wirklichkeit

Das Festhalten einer Wirklichkeit oder eines Zustands ist ein existenzieller Teil des menschlichen Daseins. Erste Zeugnisse der Malerei führen die Menschen unter die Berge: Die bemalten Felsbilder in den Höhlen reichen 40.000 bis 50.000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Hingegen könnte man meinen, dass Fotografie und Film noch in „Kinderschuhen“ stecken. Eine erste Form der kommerziellen Lichtbildkunst taucht ab 1839 auf. Louis Jacques Daguerre entwickelt ein Verfahren, die Daguerreo-Typie, mit dem man Bilder auf silbernen Platten festhalten kann. Ein reales und unverkennbares Spiegelbild der Wirklichkeit.

 

Ehrgeiz und technische Finesse

Helmuth Zebhauser meint in 100 Jahre Bergfilm – Dramen, Trick und Abenteuer, dass diese fotografische Abbildung nicht die „Wirklichkeit“, sondern nur Vergangenes abbildet. Tatsächlich „entgleitet“ sie unaufhörlich und setzt somit keinen zeitlichen Unterschied zur Malerei. Auch sie fängt nur einen Teilbereich der Wirklichkeit oder des Ist-Zustandes ein. Doch der Schnappschuss-Boom setzt sich fort: Der Trend zur Fotografie fällt gleichzeitig mit der Entdeckung der heimischen Alpen zusammen. Auch sie war der Antrieb für die vollständige Eroberung des Alpenraums im 19. Jahrhundert.

Viele Gipfelstürmer dieser Zeit sind auch „Fotoreporter“. Menschen, die nicht nur den Drang verspüren, sich gegen die Natur und ihre Widrigkeiten zu behaupten. Sie wollen den Bergen auch eine Momentaufnahme abringen. 1850 macht der Engländer John Raskin eine erste technische Abbildung des Matterhorns. Laut Zebhauser ist dies der Beginn der Bergfotografie, der sich noch viele andere anschließen. Zehn Jahre später lichten die Bisson-Brüder den Montblanc auf drei Platten ab. Ein ungeheurer Aufwand, wenn man bedenkt, dass die bruchgefährdeten Schilder über ein Format von 54 x 44 Zentimeter verfügten.

 

Aufstieg in die Berge

Der Transport der Kameraausrüstung sowie der Belichtungsplatten oder -plättchen muss aufwendig und mühsam gewesen sein. In „Das finstere Tal“ benötigt Greider für seine Standkamera-Ausrüstung ein eigenes Pferd. Mit der richtigen Anbringung und Verzurrung der fotografischen Ausstattung auf dem Gepäcktier war es erheblich einfach, Aufnahmen in einer Höhe von 2.000 bis 3.000 Metern zu belichten. Die Außenszenen mit Greider und seiner Kameramontur wurden im Südtiroler Schnalstal gedreht. In einer Höhe, die eisig kalt ist und wo das Drehen mit Pferden schwer und fordernd sein kann.

 

Schiebekasten-Kameras sind ein Renner

Mit der Einführung des Daguerre-Verfahrens kommen ab 1840 auch neue Kamera-Modelle auf den jungen Markt. Besonders beliebt und teuer sind zu dieser Zeit die Schiebkasten-Kameras aus dem Hause Susse Frères. Aber auch Fotoapparaturen der Firma Giroux, die noch heute Rekordpreise in Auktions-Häusern erzielen und für eine Summe ab einem sechsstelligen Euro-Bereich zu erwerben sind. Der Vorteil bei diesen Kameras waren auch die kurzen Belichtungszeiten. Sie wurden vom deutsch-ungarischen Professor Josef Petzval mittels eines Porträt-Objektivs erheblich verbessert.

 

Ein Dokument der Vergänglichkeit

Neben Landschaftsaufnahmen interessiert sich Greider auch für Porträts, für Gesichter. Das Antlitz der fotografierten Person erzählt seine eigene Geschichte. In Prochaskas Film lichtet Greider drei Personen ab: Die weibliche Hauptfigur Luzi und ihren Verlobten Lukas sowie Luis Brenner, einen der Söhne vom alten Brenner. Im Gespräch mit den „Salzburger Nachrichten“ erklärt der Filmemacher, dass er die „Gesichter wie Landschaften einsetzt“. Es war mir „wichtig bei einem Film, der mit so wenig Dialog auskommen muss: dass die Gesichter viel erzählen“, so Prochaska.

Obwohl Prochaska und Ambrosch ihrer Greider-Figur den Rahmen als Fotograf und den Raum als Künstler geben, sieht man diese jedoch nie bei der Nachbearbeitung. Auf dieses Prozedere verzichten die Filmemacher vermutlich aus dramaturgischen und zeitlichen Gründen. So bleibt es ein Geheimnis wie die Lichtabbildungen auf den Plättchen entstehen. Der alte Brenner bezeichnet die Fotografien als einen „Spiegel mit Gedächtnis“. Ein Stück Zeit, die festgehalten wurde. Vielleicht war das auch der Drang der ersten Bergfotografen hoch oben in der Einsamkeit der Berge. Einen Augenblick von einer Kulisse einzufangen – den Bergen, die auf das menschlichen Betrachter ewig und beständig wirken.

 

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