Annauds Film ist eine mediale Schau tibetanischer Lebensweise und Kultur. Der Streifen hat maßgeblichen Einfluss auf die Meinungsbildung der westlichen Zuseher. Was aber wenige wissen, dass es meist überholte Klischees sind, die auf einem verklärten Bild aus der Kolonialzeit beruhen.

 

Die Gebirgsregion zwischen China und Indien gilt als ein Land des ewigen Friedens und innerer Erleuchtung. Ein Wesenszug des tibetanischen Buddhismus, der weder einer fanatischen noch dogmatischer Strömung folgt, ist die Suche nach einer Harmonie für Körper und Geist. Diese spirituelle Ausrichtung einer Religionsgemeinschaft, eines Gebirgsvolkes sowie eines ganzen Land beruht auf den Gedanken des sozial engagierten Buddhismus. In der westlichen Wahrnehmung verkörpert dieses Ideal, die Suche nach dem mythischen Shangri-La. Ein geheimnisvoller Ort, der im tibetanischen Himalaya liegen soll und so etwas wie das paradiesische Eden des buddhistischen Glaubens verkörpert.

 

Tibet-Bild mit Fiktionen überlastet

Verstärkt wird dieser Grundsatz zusätzliche durch viele Medien aus dem Westen wie Reisebücher, Romane aber auch Hollywood-Filme, die fast schon ein entrücktes Bild vom Dach der Welt zeigen. Hollywoods Tibet-Wahrnehmung spiegelt sich durch Werke wie „Auf der Suche nach dem goldenen Kind“ (1986), „Little Buddha“ (1993), „Kundun“ (1997) oder „Sieben Jahre in Tibet“ (1997) wieder. Besonders Letzterer hat das Tibet-Bild vor der malerischen Kulisse des Himalaya erheblich geprägt. Das Biopic zeigt das Leben des österreichischen Alpinisten und Abenteurers Heinrich Harrer, verkörpert durch einen jungen Brad Pitt.

Der Streifen zeigt nicht nur ein romantisiertes Bild dieser Dachregion, sondern auch eine fiktive Vorstellung wie so ein Hochland-Königtum ausgesehen haben könnte. Diesem Vorwurf kann man entgegensetzen, dass es sich um ein filmisches Kunstwerk handelt und viele historische Begebenheiten aufgrund des Filmmediums und dessen Dramaturgie einer eigenen filmischen Logik folgen müssen. Doch bleibt der Vorwurf trotzdem bestehen, weil hier eine Entwicklung wahrzunehmen ist, die hier fast alle erwähnten Filme betrifft und seit den späten achtziger Jahren erheblich zugenommen hat.

 

Ein Königreich in Chinas Blickfeld

Die Tatsache ist, dass das tibetanische Königtum wie von Hollywood mehrfach propagiert eigentlich nur eine Wunschvorstellung ist. In Hollywood’s Representations of the Sino-Tibetan Conflict beschreibt die Autorin Jenny George Daccache die Gründe, wie diese westliche Wahrnehmung das Hollywood-Kino erfasst hat. Dabei spielt auch Chinas Rolle, dass das Himalaya-Königreich 1950 annektierte ebenso eine tragende Rolle. In ihrem Buch meint Daccache, dass selbst der China-Tibet-Konflikt in den westlichen Medien aber auch Filmen sehr oft zu „pro-tibetisch“ dargestellt wird.

Die westliche Vorstellung, dass ein Underdog wie Tibet gegen das kommunistische großimperialistische China anzutreten habe, nützt einem sehr amerikanischen Ideal. Diese politische Verfärbung „zwingt“ Hollywood und seine Filmschaffenden ebenjene Prägung auch auf die Filme zu übertragen. Der US-Historiker und Marxist Michael Parenti geht sogar so weit, dass Tibet vor seiner Annexion durch China eher einem feudalistischen Land im europäischen Mittelalter gleicht als dem Ideal der Shangri-La-Anhänger. Jedoch nähert sich Parenti historisch der Wahrheit, wenn er meint, dass Tibet schon seit Zeiten unter Aufsicht chinesischer Herrscher-Dynastien stand.

 

Tibeter auch nicht für geistliche Führung

So ist bekannt, dass Kublai Khan, der auch den venezianischen Kaufmann und Abenteurer Marco Polo an seinem Hof empfing, für die Inthronisation des ersten Grand Lama zuständig war. Laut Parenti soll der chinesische Kaiser dem 25-jährigen Anwärter eine eigene Armee geschickt haben. Nach dem sich der Günstling den Grand Lama-Titel gesichert hatte, ließ er sich selbst als Dalai Lama („Ozean des Wissens“) ansprechen, um so auch chinesische Interessen und Ansprüche geltend zu machen. Parenti meint, dass das soziale Gefüge in Tibet vor Chinas Übernahme sehr archaisch geprägt war, indem adelige Großgrundbesitzer und die geistliche Elite der Lamas das Sagen hatten.

Der Großteil der Bevölkerung lebte in bitterer Armut deren Alltag vom normalen Leibeigentum, tiefsitzendem Aberglauben sowie kaum vorhandener Rechte geprägt war. Viele dieser Entwicklungen sind auch auf die damals exzessive Steuerpolitik Tibets zurückzuführen: So waren beispielsweise Steuern bei jedem Geburts- oder Todesfall abzugeben oder wenn jemand auf seinem Land einen Baum anpflanzen oder Tiere halten wollte, wenn jemand sich ehelichen wollte oder ins Gefängnis musste und auch wieder entlassen wurde. Parenti verschönert hier nicht, dass es den Tibetern unter den Chinesen besser geht, veranschaulicht aber warum sich der tibetanische Widerstand gegen China in Grenzen hielt.

 

Schäbiges Klischee der „Gelben Gefahr“

Die Résistance gegen die Chinesen, welche auch in Jean-Jacques Annauds Film „Sieben Jahre in Tibet“ gezeigt wird, lässt sich laut Daccache auch auf Hollywoods Grundstimmung zurückführen. Die negative Darstellung von Chinesen hat im Hollywood-Kino feste Tradition, beginnend mit dem Abenteuerfilm „Lost Horizon“ von 1937. Daccache greift hier den Begriff Yellow Peril auf, zu Deutsch „Gelbe Gefahr“, der ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit ist und die Angst westlicher Kolonialmächte gegenüber China schürt. Für Daccache ist diese Hollywood-Definition zu einem universellen Bild Chinas in der westlichen Unterhaltungskultur geworden – zu einem schäbigen Klischee.

 

Lage in Tibet, nur aus Medien vertraut

Aus der Sichtweise eines Filmemachers wie Jean-Jacques Annaud sogar sehr günstig, wenn man einen Antagonisten hat, der vollständig konträr zum Protagonisten steht. Zu Gunsten einer klaren dramaturgischen Erzählung verzichten Filmschaffende sehr oft auf komplexe Darstellungen gerade bei einem Massenmedium wie dem Kino. Die gängige Meinung, die über das heutige Tibet herrscht, bildet sich aus Unterhaltungsmedien. Politische Stimmungen oder gesellschaftliche Wallungen werden nur am Rande, einer kleineren Gruppe, sichtbar. Für die große Masse bleibt der Gedanke von einem reinen, kleinen Tibet weiterhin bestehen, der seine Vollendung in dem Shangri-La-Mythos findet.

 

Hollywood grundsätzlich „anti-chinesisch“

Hinzu kommt auch der finanzielle Aspekt Hollywoods, dass das Publikum Geld für ein Produkt, in diesem Fall für einen Film, zahlt dessen soziopolitische Kultur es kennt und die ihm als durchschnittlicher Kinogeher vertraut ist. Insgesamt kann man sagen, dass die Darstellungen der Tibeter und Chinesen in den erwähnten Filmen, nicht pro-tibetisch, sondern „anti-chinesisch“ sind. Parenti denkt, dass der Tibet-Konflikt kein chinesisches, sondern ein tibetisches Problem ist. Innerhalb der tibetischen Gesellschaft herrscht die gängige Meinung, dass eine Rückkehr der geistlichen Elite und der Lamas nicht förderlich sei. Die Errichtung eines feudalen Königtums widerstrebt den Tibetern wie ihren chinesischen Besatzern.

 

Inszenierungen, die bestätigt bleiben

Mit dem Aufstieg des heutigen Chinas verschlechtert sich auch die Beziehung zur tibetischen Führung. Das Bild, das Hollywood von einem verlorenen und untergangenem Bergkönigreich „inszeniert“, beruht rein auf der Vorstellung Hollywoods Filmemacher und Geschichtenerzähler. Es macht aber auch nicht blind gegenüber den Repressalien der kommunistischen Regierung Chinas, das einem Volk seit mehr als 65 Jahren die Autonomie aberkennt, die es verdienen würde. Vielleicht mit ein Grund warum die pro-tibetischen oder anti-chinesischen Klischees sich bis heute bewährt haben.

 

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