In seinem zweiten Roman „Wolfsland“ erzählt Monteagudo eine Werwolf-Geschichte im spanischen Hochland. Entfernt und abgelegen liegt das Bergdorf Brañaganda. Eine unheimliche Mordserie bedrückt dessen Dorfbewohner, die sich aber alle sehr sonderbar verhalten.

 

Geschichten über Gestaltwandler und Verwandlungswesen haben schon immer die menschliche Phantasie angeregt. Neben vielen Ungeheuern der Nacht zählt der Werwolf, oder auch im althochdeutsch Mannwolf genannt, zu den bekanntesten Wesen, die in den finsteren Gedanken der menschlichen Seele lauern. Die Frage, ob der Werwolf einen realen Ursprung hat oder doch nur ein „Produkt“ der eigenen Vorstellungskraft ist, bleibt offen. In der Kunst aber auch in der Literatur und im Film hat der „Wolfs-Mensch“ seinen Platz gefunden und treibt in diesen Erzählungen weiterhin sein Unwesen.

 

Eine archaische Berglandschaft

Einen neuen Zugang zu diesem altbekannten Thema liefert der spanische Autor David Monteagudo. Nach seinem mysteriösen Endzeit-Roman „Ende“ von 2012 liefert er mit „Wolfsland“ sein zweites Buch: Eine Werwolf-Geschichte, die aber auf den ersten Blick gar nicht als diese auftritt. Eigentlich sind es die galizischen Berge wohin es Monteagudo wieder hinzieht. Das archaisch anmutende Hochland hat den ehemaligen Mechaniker, der einst in einer Papierfabrik arbeitete, wieder in die Berge gelockt. Es scheint fast so als ob das Gebirge als sprudelnder Quell seiner phantastischen Inspirationen dient.

 

Das Spiel mit der Wahrheit

© Rowohlt Verlag

Inmitten dieser Berge im nordwestlichsten Zipfel Spaniens liegt das Dorf Brañaganda, das für Monteagudos spanische Originalversion auch den Buchtitel liefert. Eine schaurige Frauenmordserie erschüttert die abgelegene Dorfgemeinschaft, die ziemlich eilig auch den Übeltäter ausmacht: Einen Werwolf. Größere Bedenken hegen dagegen der Waldhüter Enrique sowie dessen Frau, die im Dorf als Schullehrerin arbeitet. Mit Vernunft versuchen die beiden dem Aberglauben der eingeschworenen Dorfgemeinschaft zu begegnen. Doch sehr bald müssen auch Enrique und seine Familie feststellen, dass nichts so ist wie es scheint.

Gerade dieses Spiel mit der Wahrheit ist der Grund, warum man in den Sog der Erzählung hingerissen wird. Wenn das Reale und das Surreale aufeinanderprallen dann verschwimmen nicht nur die Grenzen der eigenen Wahrnehmung. Vielmehr entfaltet sich so eine eigene „Wirklichkeit“. Bei Monteagudo folgt sie ihren eigenen Regeln und Gesetzen und kennzeichnet auch den Stil des Autors. Der Magische Realismus, der in dieser Erzählung aufkeimt, wird in „Wolfsland“ sparsam genutzt und ausgeschöpft. Möglicherweise mit einer der Gründe, warum am Ende nicht alles so gelöst wird wie man es erwarten würde – ohne jetzt viel zu verraten.

 

Die Berge dominieren über alles

Denn abseits der Frage, wie Monteagudos Werwolf-Erzählung endet, spielen die Landschaft und ihre Bewohner die eigentliche Hauptrolle in den Roman. So kommt er auf den ersten Seiten gleich zum Wesentlichen: „Die Berge strahlen Gelassenheit aus, etwas Mütterliches, wie alte, stattliche Matriarchinnen“, die das abgelegene Tal mit seinem Dorf schützen aber auch ausnahmslos überragen. Unweit des Tals liegt die große Freiheit des atlantischen Ozeans, dessen „diffuses Blau, das den Horizont überlagert“ vom höchsten Berg aus sehen kann und „dessen Gipfel so rund ist wie die Brust einer Frau“.

Der teils „altweibische“ Aberglaube, den Monteagudo in „Wolfsland“ erfasst, ist ein seelisches Abbild der rauen und archaischen Berglandschaft. Der Menschenschlag, welcher hier beschrieben wird, reduziert Monteagudo auf einen Satz: „Sie leben und werkeln in den Tiefen des Tals oder auf den Feldern am Fluss, in ihrer großen Armut einzig und allein darauf bedacht, einen weiteren Tag zu überleben, abgeschnitten vom eigentlich doch so nahen Ozean durch eine Landschaft, die so rau ist wie ihre Rückständigkeit und ihre jahrhundertealte Isolation.“

 

Eine bröckelnde Fassade

Es sind Menschen von dieser Natur, denen sich Enrique und seine Familie stellen müssen. Doch Monteagudo fixiert sich weniger auf den Waldhüter und seine pädagogisch arbeitende Frau. Vielmehr ist es deren 13-jähriger Sohn, der in den Mittelpunkt rückt und seine Sichtweise auf die unheimlichen Geschehnisse in Brañaganda aufrollt. Als Leser wird die Geschichte aus der Sicht eines Heranwachsenden erzählt, der seine Eltern bewundert. Ganz besonders seinen Vater, der allmählich im Verlauf der ganzen Geschehnisse ein immer befremdlicher werdendes Verhalten an den Tag legt.

 

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