Mit seinem Drama auf einer Wettermesswarte in den Schweizer Alpen gibt Markus Imhoof dem Bergfilm Anfang der Neunziger einen beachtlichen Auftrieb. Die auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte ist ein Duell über der Baumgrenze um eine Frau sowie um den titelgebenden Berg.

 

Eine leichte Unruhe liegt in der Luft als die meteorologische Zentralanstalt eine folgenreiche Entscheidung bekannt gibt. Für den Posten des neuen Wetterwarts haben sich 32 Kandidaten beworben. Alle hochqualifiziert und bestens geeignet für die verantwortungsvolle aber einsame Position auf dem entlegenen Berg Säntis. Doch die Anstalt rückt von dem Gedanken ab, die Stelle erneut mit einem Mann zu besetzen. Vielmehr sucht man nach einem Paar, das auf der isoliert gelegene Bergstation einzieht. Joseph Manser, gespielt von Mathias Gnädinger, einer der Bewerber hegt weiterhin sein Interesse und gibt bekannt, mit seiner Verlobten die Station zu besetzen.

 

Ein Duell „über der Baumgrenze“

Ein anderer Anwärter drängt sich mit seiner Aussage dazwischen. Klar und deutlich, gibt er bekannt, dass eine Frau „über der Baumgrenze nichts verloren“ hat. Es ist der ehemals österreichische Offizier Gregor Kreuzpointner, dargestellt von Peter Simonischek, der aufsteht und „wegtritt“. Schon sehr früh setzt Regisseur Markus Imhoof den Konflikt in Szene, indem er gleich zwei unterschiedliche Ansichten vorlegt. Der arbeitslose Spinnerei-Mechaniker Manser und der ehemalige Gebirgsjäger Kreuzpointner, die sich bald wieder begegnen werden – im direkten Duell um eine Frau und um einen Berg.

 

Von Frauen und anderen „Trophäen“

Der Schweizer Imhoof bekommt mit „Der Berg“ die Aufmerksamkeit, welche dem Bergfilm mehrere Jahrzehnte versagt blieb. Anfang der neunziger Jahre erlebt ein ganzes Genre seine Wiederbelebung: Ob „K2 – Das letzte Abenteuer“ (1991), „Cerro Torre – Schrei aus Stein“ (1991) oder „Cliffhanger – Nur die Starken überleben“ (1993). Sie alle sind Werke einer Dekade, indem Berge und das Bergsteigen selbst wieder ein großes Thema werden. Imhoof ist einer der ersten, der mit „Der Berg“ den ersten Schritt setzt und zugleich auf der Berlinale 1991 auch eine Spielfilm-Nominierung erhält.

Auf dem Filmfestival von Trento klappt es dann auch mit der Spielfilm-Trophäe für den ersten Platz. Imhoofs Bergfilm ist zunächst eine Dreiecks-Geschichte, die auf der Rivalität zwischen Manser und Kreuzpointner beruht. Aus diesem „sportlichen“ Wettbewerb entfacht sich schon sehr bald ein Konflikt auf Leben und Tod. „In der Abgeschiedenheit und Zivilisationsferne einer eingeschneiten Bergstation“, wie Hans-Jürgen Panitz in 100 Jahre Bergfilm – Dramen, Trick und Abenteuer beschreibt, wird aus dem spielerischen Wettbewerb ein blutiger Ernst. Gerade weil das Existenzielle so stark in den Vordergrund rückt und weil es um eine Frau geht.

 

Schwangerschaft und andere Belastungen

Das Objekt ihrer Begierde ist die schwangere Wirtsgehilfin Lena, gespielt von Susanne Lothar, die aber Manser ehelicht um mit ihm auf die Station zu ziehen. Der tatsächlich steinige Weg zu einer Höhe auf mehr als 2.000 Metern ist für das frisch vermählte Paar mühsam und langwierig. Eine Belastungsprobe, die Lena zur Verzweiflung treibt – Manser nachdenklich stimmt.

Diese stillen Momente, welche Imhoof in seinem Film immer wieder einstreut, verdeutlichen die menschliche Tragödie und Bürde. Mansers Konfrontation mit Kreuzpointner wird dieses Drama nochmals steigern, weil der „Grundkonflikt“ hier verdichtet gezeigt wird.

Die Wetterstation selbst ist als entlegener Handlungsort eine „luftfreie“ Bühne. Für die menschlichen Figuren, die hier oben mit ihrem Schicksal hadern, ist es die absolute Grenze einer Belastungsprobe. Das alpine Drama erinnert streckenweise an den maritimen Thriller „Todesstille“ mit Nicole Kidman. Laut deutscher „Wikipedia“ entsteht der Konflikt „aus dem klaustrophobischen Schauplatz und den eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten der Figuren“. Auch darin wird ein Ehepaar, das gegen die Gewalt der Natur, in diesem Fall das Meer, kämpft mit einer Drittperson konfrontiert.

 

Die Sehnsucht nach den Bergen

Aus dem kaiserlich-königlichen Flussreich entsteht die Erste Republik, die sich als das „Land der Berge“ neu erfindet. Das gilt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch auf menschlicher: Die Einwohner müssen sich ebenfalls, den neuen Gegebenheiten anpassen. Es geht ins Hochland, auf die Berge, weil vom Flachland nichts mehr bleibt. Kreuzpointner als ein „Überbleibsel“ der kaiserlich-königlichen Armee meint als Wetterstations-Wärter eine neue Aufgabe sowie einen Lebenssinn zu finden. Sein angebliches Vorhaben nach Amerika auszuwandern, gibt er beinah impulsiv auf als es ihn auf den Gipfel des Säntis zieht.

 

Das Herz am rechten Fleck

Das Heimatgefühl ist am Ende stärker als die Aussicht auf ein besseres Leben in der Ferne. Mit seinem Wissen und seiner Ausrüstung entspricht Kreuzpointner eher dem Ideal eines bergerfahrenen Stationswärters als der korpulente Manser. Doch dieser zögert keinen Moment als er feststellt, dass der Gebirgsexperte beim Aufstieg Hilfe benötigt.

Trotz Widerstand von Lena entschließt Manser sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um Kreuzpointner zu retten. Der uneingeladene Gast bedrängt Manser schon bald um seinen Posten als Wetterwärter sowie um seine kriselnde Ehe mit der resoluten Lena.

 

Ein Zweikampf, beruhend auf Tatsachen

Das daraus entstehende Duell ist nicht nur existenzieller Kampf des menschlichen Daseins. Es dient als schonungslose Metapher für die Natur, dass Überfluss in schweren Zeiten zur Sparsamkeit drängt.

Für seine Geschichte greift Imhoof auch auf eine wahre Begebenheit zurück. Es geht um einen Doppelmord auf dem Säntis im Jahre 1922: Das Wetterwart-Ehepaar Heinrich Haas und Lena Haas wird tot aufgefunden. Der verdächtigte Gregor Kreuzpointner soll die Station ungebeten besucht und den Doppelmord begangen haben. Offenbar um Rache zu üben, da Haas ihm die Stelle streitig gemacht hatte. Der Fall wurde nie richtig aufgeklärt – Kreuzpointner begeht wenige Zeit später nach den Morden Suizid.

 

Der Pilatus im Lichtblick

Auch für seine Wetterstation greift Imhoof auf einen realen Bezug zurück. Die auf dem Säntis gelegene Messwarte ist tatsächlich Teil einer meteorologischen Basis auf dem Pilatus-Berg. Ein Großteil der Außenszenen, die rund um die Wettermesswarte gedreht wurden, sind Aufnahmen vom Pilatus.

Der für seine Hochwasser berüchtigte Berg ist seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Zielort von Meteorologen. Seit 1981 ist die Station wieder in Betrieb und wird seitdem automatisch gesteuert. Ein weiteres Kennzeichen des Pilatus´ sind die charakteristischen Wolkenhänge um den Berg, die Regen ankündigen.

 

Oben um in den Abgrund zu sehen

Regisseur Imhoof erzählt nüchtern und ohne viel übersteigertes Pathos seine Version vom Säntiser Doppelmord. Am Berg interessiert den Schweizer Filmemacher „nicht die schöne Aussicht, sondern der Abgrund, der die Abgründe in den Menschen sichtbar macht“. Der Streifen ist auch ein Rückblick auf ein Stück Schweizer Wettergeschichte als die eidgenössische Zentalanstalt der Meteorologie die Entscheidung trifft, ein Paar hochzusenden. Imhoofs Produktion zählt als Beispiel für den Versuch, den Bergfilm wieder als ein eigenes und erfolgreiches Genre zu etablieren.

 

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