Die Alpen zu Zeiten Hannibals waren noch schwerer zu bezwingen als heute. In der Doku-Reihe „Ursprung der Technik“ wird erläutert wie der karthagische Feldheer vor mehr als 2.200 Jahren das höchste Gebirge Mitteleuropas überwindet – mit raffinierten Tricks.

 

Wenn man heute von Landes- oder Staatsgrenzen spricht, muss man zwischen künstlichen und natürlichen Begrenzungen unterscheiden. Als künstlich gelten alle Grenzmarken, die von Menschenhand gesetzt werden. Dagegen können natürliche Grenzlinien durch fast alles vertreten sein: Ob Flüsse, Seen oder ein ganzes Gebirge. Zur Zeit Hannibals, der 218 vor Christus mit einer Invasionsarmee die Alpen überschreitet, bildet dieses Hochland die Nordbarriere des römischen Reichs. Es ist ein unüberwindbares Gebirge dem sich nur Dumme, Verzweifelte und Mutige stellen können, so die Auffassung der Römer.

 

Gebirgsketten, schwer zu überwinden

Die Doku-Reihe „Ancient Discoveries“, zu Deutsch „Ursprung der Technik“, geht der Frage nach, wie Hannibal die Alpen überwinden konnte. Welche Techniken und Verfahren der Heerführer aus Karthago einsetzt, um Berg und Fels hinter sich zu lassen. Was heute schwer umsetzbar ist, galt in der Antike als nahezu unmöglich. Gebirge wie die Alpen sind schwer zu überwinden, weil es dort hoch und kalt zugeht. Zudem sind sie schwierig zu bezwingen und stellen für große Armeen ein strategisches Hindernis dar. Hannibal dagegen setzt alles auf eine Karte und wagt seinen Irrsinn durch das Hochgebirge Mitteleuropas.

 

Die Alpen zur Zeit der Antike

Das Alpenland war zur Zeit Hannibals die Heimat keltischer Bergstämme. Ob MassilierAllobroger oder cisalpinische Gallier, sie alle waren nicht nur gegen die Römer verfeindet, sondern ebenso untereinander. Lange vor Hannibals Alpenzug operierten bereits römische Truppen durch die Hochebenen Mitteleuropas. Die bekannten Alpen-Wege und -Pfade wurden von den Römern zu marschfähigen Straßen ausgebaut. Ihr Wissen über deren Lage und Abzweigungen sollen die Römer von den Etruskernübernommen haben. Diese italienischen Nachbarn Roms waren immer wieder Ziel keltischer Angriffe aus dem Norden.

 

Ausrüstung antiker Armeen

Kelten, die dieselben Ansichten verfolgten wie Hannibal und in dem Karthager so etwas wie einen Mitstreiter gegen Rom fanden. Doch um den Tross aus Menschen, Tieren und vor allem den vielen Elefanten durch die Alpen zu bringen, braucht es die richtige Ausrüstung. Heutige Forscher wie der Militärhistoriker John Naylor gehen davon aus, dass sowohl Römer als auch Karthager vom Technikstand etwa gleich hoch entwickelt waren. Sein Kollege, Andrew Lambert vom Kings College London, meint, „dass ihre Ausstattung ähnlich war“ trotz der großen Rivalität zwischen Rom und Karthago.

Die Ausstattung eines karthagischen Invasionsheers sollte sich nicht zu stark von der Ausrüstung römischer Legionen unterscheiden. Im Herbst des Jahres 218 vor Christus führt Hannibal rund 50.000 Fußsoldaten, 9.000 Reiter und 38 Kampfelefanten über die Alpen. Ungezählt und an Stärke nicht einschätzbar bleiben Hannibals lokale Verbündete, die sich seinem Heereszug angeschlossen haben. Die Höhe und Kälte verhindern ein rasches Weiterkommen. Als großes Problem stellen sich Hannibal und seinen schwerfälligen Elefanten große Felsen in den Weg. Doch auch für solche Hürden scheint der geschickte Karthager vorgesorgt zu haben.

 

Wie Hannibal die Felsen überwindet

Der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet, dass Hannibal kurz vor dem Abstieg aus den Alpen eine unpassierbare Stelle erreichte. Heutige Historiker sprechen vomCol de Clapier oder dem Col de la Traversette, die beide über 2.400 Meter hoch sind. In dieser Nähe soll Hannibal der Weg durch einen großen Felsblock verschlossen worden sein. Laut Livius soll der Feldherr sogar mit der Überlegung gespielt haben, den Alpenzug abzubrechen und umzukehren. Gleichzeitig fand Hannibal auch mehrere Auswege wie man den hinderlichen Felsen bezwingen kann, um in die Tiefebene Norditaliens zu gelangen.

Denn neben bewaffneten Soldaten und Kriegern führt Hannibal in seinen Reihen auch fähige Ingenieure und Pioniere mit sich. Experten, die sich genau auf solche Hindernisse spezialisiert haben. Neben einfachen Hacken um Felsgestein zu zertrümmern, nutzen diese Spezialisten auch chemische Verfahren, um das ganze Gestein im wahrsten Sinne des Wortes, „verschwinden zu lassen“. Mit Feuer, Wasser und Essig sollen die Karthager alle in ihrem Weg stehenden Felsen nahezu pulverisiert haben. Eine Methode, die auch „Ursprung der Technik“ in der Folge „Ungewöhnliche Kriegsführung“ von 2008 rekonstruiert.

 

Ein „rotes Glühen“ in den Bergen

Der Militärhistoriker Naylor geht davon aus, dass die Armeen der Antike ebenso ein großes Verständnis für Chemie hatten als bisher angenommen. Um das zu beweisen, wagt der Forscher einen Fernsehversuch indem er einen Gesteinsbrocken aus Kalk mit Hitze und Kälte zerbersten will. Mit einem großen Feuer entfacht Naylor zunächst eine extreme Hitze, die den Brocken langsam richtig aufheizen soll. Danach will der Geschichtskenner dasselbe Gestein mit Wasser und Essig rasch wieder zum abkühlen bringen. Dafür muss der Fels eine Hitze von mehreren hundert Grad Celsius erreichen.

Beim TV-Experiment zeigt sich, dass die Temperatur der Gesteinsbrocken um die 650 Grad Celsius beträgt. Bei einem Felsen mit einer Höhe von 90 Metern Höhe, den Hannibal zu überwinden hatte, kann man sich die ungeheure Hitze gar nicht vorstellen. Doch genau in diesem Temperaturbereich beginnt der Anlauf für die chemischen Prozesse: Laut Naylor wird dadurch eine Säure-Basen-Reaktion in Gang gesetzt. Das Gestein nimmt eine „rot glühende“ Farbe an und macht ersichtlich, dass die Brocken selber zu einer Hitzequelle neben dem schwächelnden Feuer und Flammen werden.

Neben der chemischen Reaktion werden auch physikalische Kräfte entfacht: So merkt Naylor an, dass der harte Fels sich durch die enorme Hitze ausdehnt. Wenn man ihn rasch abkühlt, so zieht er sich schnell wieder zusammen. Dadurch wird die Beständigkeit des Gesteins träge denn Ausdehnung und heftige Kontraktion sorgen dafür, dass das Gestein Risse bekommt. Während der heftigen Kühlung wird es morsch und bröckelig. Einige Dutzend Männer Hannibals, mit Hacken und anderem Stech-Werkzeug ausgestattet, hätten somit ein leichtes Spiel gehabt, die zerbrechlichen Gesteinsbrocken beiseite zu räumen.

 

Mit Essig bespritzt

Im TV-Versuch sieht man wie die Temperatur der Steine sekundenschnell um 3.000 Prozent herunterfällt. Dies erfolgt durch Wasser und Essig, das Naylor in dem Experiment einsetzt. Livius berichtet, dass Hannibal nach Essig verlangt haben soll, um das heiße Gestein wieder abkühlen zu lassen. Wie weit Hannibal die chemischen Reaktionen vertraut waren, bliebt fraglich. Heute weiß man, um einen 90 Meter hohen Felsen zum zerbersten zu bringen, hätte man die Menge von etwa 75.000 Liter Essig benötigt. Hannibal könnte sie seinen Männern entnommen haben. Denn die Soldaten sollen täglich eine Ration von einem Viertel Liter mit Wasser verdünnt, getrunken haben.

 

Alle Wege frei nach Rom

Mit diesem Verfahren gelingt es Hannibal im wahrsten Sinne, sich durch die stärksten Felsen zu brechen. Innerhalb weniger Tagen erreicht er nach dem beschwerlichen Zug das wärmere Tiefland der Po-Ebene. Dort sammelt er wieder seine Kräfte um weiter gen Süden, gegen Rom zu ziehen und sich gegen eine unmögliche Aufgabe zu stellen: Nicht Rom ist die Metropole die am Ende dieses Kriegs untergeht, sondern Hannibals Heimatstadt Karthago. Sein Alpenzug bleibt jedoch legendär, gerade weil er mit einfachen Tricks wie Salat-Dressing etwas Unvorstellbares kreiert hat.

 

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