Im Bollywood-Film spielt die gebirgige Szenerie eine besondere Rolle. Gesangs- und Tanzeinlagen dienen im Hindi-Kino auch als Metaphern für versteckte sexuelle Sehnsüchte. Eine exotische Kulisse verstärkt dieses Verlangen und zeigt einen Blick auf Indiens Paradies – mit alpinem Charakter.

 

Leuchtend helle Farben, eine prachtvolle Naturkulisse deren Augenweide durch klangvolle Musik noch wirksamer dargeboten wird. Und dann irgendwo in der Ferne die Protagonisten der Szenerie: Der Held und die Heldin, gewöhnlich vor einer Bergkulisse. Er in modisch schicker Bekleidung, gewöhnlich nur Marken-Textilien. Sie schon traditioneller und „ethnischer“. Beide erfreuen sich, und ihr Publikum, an ihrer Zuneigung zueinander sowie zur herrlichen Natur. Ihre schmachtenden Blicke treffen sich, kraftvolle Umarmungen und zärtliche Liebkosungen drücken so das Lebens- und Liebesgefühl einer ganzen Nation aus.

 

Erotische Stilmittel

Der lang erwartete Höhepunkt, der in einem westlichen Film zum „Höhepunkt“ führt, nämlich der Kuss fällt hier vollkommen weg. Die sinnliche Erotik wird, wenn auch sehr körperbetont, wird durch den Goldkelchen-Gesang der Protagonisten ersetzt. Etwa so sieht eine typische Sex-Szene in einem Bollywood-Film aus. Das Bollywood-Kino greift bis heute auf eine Vielzahl erotischer Stilmittel zurück, die in besonders kreativer Weise Love & Sex ausdrücken. Ob nun durch erotische Lieder, üppige Tanzbewegungen oder spezielle Großaufnahmen bei bestimmten Körperpartien – die  subtilen Mittel werden vielseitig eingesetzt.

 

Erotik im Bollywood-Film

Dieser erotisierte Blick des Zuschauers begünstigt auch eine besondere Form des Voyeurismus, der nur im Bollywood-Film vorkommt. In den Hindi-Streifen kann diese Schaustellung auch in exzessiver Form vorkommen, die unter anderen Umständen nicht darstellbar wäre. Das indische Kleidungsstück, der Sari, dient ebenso als vielschichtiges „Anschauungs-Instrument“. Die Frau im Sari, die den Helden mit ihren Reizen lockt und ihn zugleich auch ermahnt, die „Ehre der Frau“ nicht zu besudeln. Zugleich begünstigt diese cineastische Sichtweise auch eine Form der Vulgarität, die auch für ein Publikum im Westen befremdlich sein kann.

 

Der Privatort im Gebirge

Ein noch stärkeres Mittel der Sexualisierung ist neben dem Kostümwechsel der Protagonisten auch die exotische Kulisse. Speziell bei den berühmten Szenen wo Song & Dance im Vordergrund stehen. Die bekannten Tanzeinlagen vor alpiner Kulisse sind eines der bekanntesten Markenzeichen des Bollywood-Films. Diese Lieder und Tänze dienen nicht nur als „Pause“ von der dramaturgischen Erzählweise des Films, sondern erfüllen wichtige lusterfüllende Funktionen: Sie drücken die emotionale Befindlichkeit der Figuren aus aber auch deren sexuelle Wünsche und Bedürfnisse und erwecken eine „Fantasie-Welt“.

Diesen privaten Platz für Intimitäten finden die Protagonisten an einem Ort der „außerhalb der Handlung“ steht, in einer Art idealen Wunsch- oder Traumwelt. Abgelegene und entfernte Orte, unberührte Natur in einer „jungfräulichen“ Reinheit, die am besten in gebirgigen Gegenden zu finden sind und eine Art „indisches Paradies“ verkörpern: In der indischen Kultur und Gesellschaft liegt das Paradies irgendwo hoch oben in den Bergen – bei den Göttern. Dieses Wunsch-Eden vieler Inder verkörpert nicht nur die Befriedigung geistigen Hungers, sondern auch die Lust nach körperlichem Befinden. 

 

Ein alpiner Garten Eden

Für den Filmwissenschafter Claus Tieber ist dieser indische Garten Eden von „alpiner Natur“ wo alle Wünsche und Bedürfnisse zufrieden gestellt werden. In den Achtzigern gewinnen die Alpen Europas daher besonderes Interesse Bollywoods. Die Inszenierung vor gebirgiger Kulisse spiegelt nicht nur die sexualisierten Sehnsüchte des Bollywood-Publikums wieder. Vielmehr dienen sie zugleich als visuelle Metaphern für die indische Gesellschaft, als moralisierender Weckruf dafür, den öffentlichen und den privaten Raum zu bewahren. Dieses mediale Spiel mit Intimitäten beherrscht und lehrt Bollywood seit Jahrzehnten vorzüglich.

In seinem Buch Passages to Bollywood – Einführung in den Hindi-Film beschäftigt sich Tieber mit diesem medialen Merkmal Bollywoods. Im Hindi Cinema ist die Familie „zentraler Ort indischer Filme“. Zugleich ist sie aber „auch der Ort der Liebe und der Erotik“ wo ein Raum für eine legitime Form der Liebe und Erotik entsteht. Tiebers Kollegin, Rachel Dwyer, greift auf diesen Raum noch intensiver zurück: Denn genau dieser Ort ist auch ein Schauplatz in dem die Liebe „weitgehend ent-erotisiert“ dargestellt wird. Somit gibt es „keinen Raum für die Privatheit eines Paares“ – nicht vor der Hochzeit und schon gar nicht danach.

 

Ein dreistündiges Hochzeits-Video

Ein typischer Bollywood-Film mit dieser Prägung ist der Romance-Streifen „Dilwale Dulhania Le Jayenge“, kurz „DDLJ“, aus dem Jahr 1995. Im deutschsprachigen Raum wird der Film mit Shah Rukh Khan und Kajol auch als „Wer zuerst kommt, kriegt die Braut“ tituliert. Als Liebesfilm ist „DDLJ“ nicht nur ein berühmtes Beispiel für das Romance-Kino Bollywoods, sondern auch ein Family Movie. Der Streifen ist tatsächlich ein dreistündiges Hochzeits-Video und zeigt die Protagonisten in einem „Ausnahmezustand“ – in einer Sphäre indem die Liebe die höchsten Hindernisse überwindet und natürlich mit einem Happy End.

 

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