Seit mehr als 130 Jahren betrauert Bolivien den Verlust der Pazifikküste an Nachbarland Chile. Trotz allem haben die Bolivianer ihre Begeisterung für die See nie ganz verloren. Als kleiner Ersatz für das größte Gewässer der Erde dient ihnen der höchste schiffbare See der Welt.

 

Für Bootsmann Carla Padilla ist der Titicaca-See im Anden-Gebirge wie der pazifische Ozean. Die beiden Gewässer trennt rund 300 Kilometer trockenes Land. Doch für Padilla, die bei der bolivianischen Marine dient, macht das keinen großen Unterschied. Die junge Frau zählt zu den ganz wenigen weiblichen Offizieren, welche für die See zu begeistern sind. Für sie ist es „eine wunderbare Erfahrung hier zur See zu fahren“, so die stolze „Süßwasser-Matrosin“. Laut Padilla ist der See „riesengroß und das Wasser ist sogar ein bisschen salzig“.

 

Feierliche Trauma-Verarbeitung

Regisseur Manfred Uhlig begleitet in der Dokumentation „Das Meer der Anden – Menschen am Titicacasee“ Padilla bei ihren Vorbereitungen zum Tag des Meeres. Der Film greift dabei zurück auf ein schmerzhaftes und blutiges Stück bolivianischer Geschichte. Er zeigt die heutigen Auswirkungen eines Konflikts der mehr als 130 Jahre zurück liegt. Die Festivität, welche von den Bolivianern am Titicaca-See begangen wird, ist eine geschichtliche aber auch rituelle Verarbeitung eines Traumas, das die Menschen am See nach wie vor verfolgt.

 

Der Salpeter-Krieg und seine Folgen

1884 muss Bolivien nach dem verlorenen Salpeter-Krieg seinen Zugang zum pazifischen Meer an die Chilenen abtreten. Der Konflikt mit dem Nachbarland Chile dauerte fünf Jahre, 1879 bis 1884, und forderte unzählige Verluste. Neben handelswirtschaftlichen Interessen, speziell um das Salpeter-Monopol, daher auch der Name des Krieges, ging es auch um politische Interessen. Mit dem Ende der spanischen Kolonisation wollte Chile, als vorherrschende Macht, seine Interessen gegen die Anrainerstaaten in Südamerika durchsetzen.

© Manfred Uhlig/ECO Media

Mit dem Kriegsende erfolgte die traumatische Gebietsabtretung Boliviens. Doch die Begeisterung für das Maritime ist den Bolivianern geblieben. Als Ersatz für den Pazifik dient heute der Titicaca-See, das höchst gelegene Binnenmeer der Erde. Im Glauben der dort ansässigen Aymara-Indianer ist der See unterirdisch mit dem Pazifik „verbunden“. Heimathafen der bolivianischen Marine liegt im Puerto Guaqui, das ganz im Süden des „Meer der Anden“ liegt. Dort laufen die Umzugsvorbereitungen der bolivianischen Marine.

 

Eine Frau auf der See

Bootsmann Padilla hat dort als eine der ganz wenigen Frauen das Sagen. Sie drillt die Rekruten im Exerzieren und dem Marschieren im Gleichschritt. Keine leichte Aufgabe für die junge Offizierin, weil beim Umzug zum Festivaltag alle Befehle sitzen müssen. Als Frau muss sie sich zudem gegenüber den vorwiegend männlichen Rekruten mehr Gehör verschaffen. Denn „einige akzeptieren nicht, dass sie von einer Frau kommandiert werden.“ Trotzdem sind sie zu Gehorsam verpflichtet, weil sie „für ihr Leben etwas Gutes mitnehmen“, so Padilla.

© Manfred Uhlig/ECO Media

Als Bootsmann, der heute Befehle erteilt, musste Padilla einst selber durch dieselbe Mühle gehen und gehorchen. „Dann bin ich aufgestiegen. Und jetzt bin ich diejenige, die befiehlt.“, so die junge Bolivianerin. Padillas vorgesetzter Offizier, Adalit Alfaro, Korvetten-Kapitän des größten Schiffes der bolivianischen Marine erklärt, dass es darum geht bei der „Jugend den Wunsch zu wecken, das Meer wieder zu erlangen.“ Die meisten Rekruten, wie auch Padilla, kommen aus dem Binnenland Boliviens und verfügen daher keine Erfahrung zur See.

 

Der Titicaca-See und seine Bedeutung

Der Titicaca-See liegt auf einer Höhe von mehr als 3.800 Metern. Mit seiner Größe und seiner Senkung ist das Anden-Gewässer der höchste schiffbare See der Welt. Er verfügt über eine Tiefe von 280 Metern und eine Länge von etwa 178 Kilometern. In der Breite macht er 67 Kilometer und wird diagonal zwischen Bolivien und Peru getrennt. Aktuellen Schätzungen zufolge ist der Titicaca-See 15 Mal so groß wie der Bodensee. Ökologisch gilt er als schwer verschmutzt, weil insgesamt 25 Flussläufe in den Gebirgssee hineinfließen.

© Manfred Uhlig/ECO Media

Das Befahren des Sees ist nicht unproblematisch: Padilla meint dazu, dass das sichere Durchsteuern „ganz schön schwierig“ sein kann. Der See ist nicht nur schmutzig, sondern auch überfischt. „Die Fischer haben überall ihre Netze gesetzt ohne sie zu markieren. Die könnten sich in unserer Schiffsschraube verfangen und unseren Motor zum stoppen bringen.“, so die angehende Kapitänin. Dennoch lässt sich Padilla die Begeisterung für die See nicht nehmen. „Am Steuer stehen und wenn man dann morgens beim Sonnenaufgang in einen Hafen einläuft“, ist das schönste für die begeisterte Seefahrerin.

 

Landgang mit „patriotischen“ Gefühlen

Doch dann geht es wieder ans Land. Uhlig zeigt als Höhepunkt seiner Dokumentation den festlichen „Landgang“ der bolivianischen Süßwasser-Matrosen zum Tag des Meeres. Ob der militärische Umzug ein Erfolg wird, hängt von Padillas straffen Exerzier-Programm ab. Präzision ist alles zum wichtigsten Feiertag Boliviens bei dem selbst die Kinder Uniformen tragen. Die Forderung nach dem verlorenen Küstengebiet ist ein nationales Spektakel. Gerade am Titicaca-See, dem „Meer der Anden“, ein Tag an dem patriotische Gedanken zum Vorschein kommen.

Beim Marschieren rufen Padillas Matrosen: „Wir werden unser Meer wieder bekommen.“ Es ist die Strophe aus einem Lied, das der Bootsmann seit seinen Kindheitstagen kennt. Gewidmet ist der Gesang dem Volkshelden Eduardo Avaroa, der im Kampf gegen die Chilenen fiel. Für Padilla und alle anderen Marine-Soldaten ein sehr „wichtiger Moment“, weil es den „Meeres-Tag“ auf besondere Art auszeichnet. Indem es nur einen einzigen Gebirgssee, das „Meer der Anden“, braucht, um einen ganzen Ozean zu ersetzen.

 

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