Immer wieder drängt sich die Frage, ob Hannibal die Alpen mit Elefanten überquerte. Denn falls doch der Karthager die Alpen passierte über welche Route er tatsächlich nach Italien gelangt. Aktuelle Forschungen zeigen, dass drei mögliche Passagen in den Westalpen zur Auswahl stehen.

 

Mit 28 Jahren steht Hannibal am Fuße der Westalpen. Hinter ihm das Rhone-Tal samt dem namensgebenden Fluss und vor ihm die gebirgigen Höhen Mitteleuropas. Seine Streitmacht, ein gemischtes Heer von geschätzten 40.000 bis 50.000 Mann, etwa 6.000 bis 9.000 Reitern sowie 37 Kriegselefanten, wird bedroht. Entlang der Rhone formieren sich römische Legionen, die dem karthagischen Heer jederzeit in den Rücken fallen könnten und in den Alpen erwarten diesem keltische Bergstämme, zu jedem Überraschungsangriff bereit. Der junge karthagische General wird zu der schicksalhaften Entscheidung gedrängt, sich den römischen Truppen zu stellen oder in die Alpen zu ziehen. Die historische Bedeutung, die Hannibal damit fällt, ist eines der berühmtesten Beispiele antiker Militär-Geschichte. Vor allem die Frage, über welchen Weg Hannibal schließlich nach Norditalien gelangt.

 

Kein Zweifel, dass Hannibal die Alpen überquerte

Hannibals Entscheidung die Alpen zu durchwandern, wird heute nach zwei Gesichtspunkten beurteilt: Zum einen, ob er jemals die Alpen bestieg und nicht einfach eine südlichere Route entlang der südfranzösischen Küste genommen haben könnte. Zum anderen, falls er die Alpen überschritten hat, welcher Route er durch das mitteleuropäische Gebirge folgte. Was man heute weiß, ist, dass die Römer Hannibal dazu gedrängt haben, einen Weg über die Alpen einzuschlagen. Sowohl das Flussgebiet im Rhone-Tal als auch die südfranzösische Küste an der heutigen Côte d’Azur wurden von römischen Truppen und ihren lokalen Verbündeten kontrolliert. Laut aktueller Forschung gibt es keinen Zweifel, dass Hannibal die Alpen überquerte. Vielmehr versuchen die Wissenschaftler die Antwort zu finden, welcher Weg Hannibal über das mitteleuropäische Gebirge nach Italien führte.

 

Karthager setzen sich das Unglaubliche zum Ziel

Jörg Altekruse beschäftigt sich in seiner Dokumentation „Hannibals Elefanten“ mit der Frage, wie der Heerführer Karthagos seine Streitmacht über die Alpen befehligte. Es ist bekannt, dass zu dieser Zeit eine Gebirgsüberquerung sowohl von Hannibals Gegnern als auch Anhängern bezweifelt wurde. Die Voraussetzungen, dass so eine alpine Besteigung gelingt, grenzte damals an einer Aufgabe, die nur Götter bezwingen können. Die gewaltigen Herausforderungen, ob militärisch, logistisch oder auch klimatisch, müssen verheerend gewesen sein. Gerade für eine Armee, die das heiße Klima Nordafrikas oder das sonnige Wetter Spaniens gewohnt ist, eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit. Hinzu kommen noch Hannibals Elefanten, die aus dem Steppen- und Waldland Afrikas kommen und sich plötzlich ins tiefverschneite Gebirge begeben müssen – eigentlich der sichere Tod!

 

Hannibal stellt alles seiner Entschlusskraft unter

Hannibals geschichtlich beworbener Triumphzug muss in der Wirklichkeit Mensch und Tier an ihre physischen und psychischen Grenzen gebracht haben. Tagtäglich verlor der junge Befehlshaber Männer und Tiere durch Erfrieren, Hunger, feindliche Hinterhalte aber auch durch Stürze und Steinschläge. Im Grunde kann man davon ausgehen, dass Hannibals Alpenüberquerung eine Katastrophe war. Der junge Feldheer soll allein beim Marsch durch das alpine Gelände, die Hälfte seiner Armee beklagt haben. Trotzdem ist bekannt, dass Hannibal nicht planlos dieses gewaltige Wagnis einging. Aus literarischen Quellen diverser römischer Schreiber wie Polybius und Livius wird klar, dass Hannibals Alpen-Unternehmung keinesfalls eine verzweifelte Rückzugs-Taktik war. Vielmehr ein ausgeklügeltes logistisches Konzept in dem Hannibals gesamte Militärstrategie zum Tragen kommt.

 

Drei möglichen Routen, um in Italien einzufallen

Die Herausforderung ist die verzwickte und langwierige Suche, wo genau Hannibal die Voralpen erreicht und wo er, in Norditalien angekommen, das Gebirge wieder hinter sich lässt. Hier gibt es drei mögliche Pfade, die Hannibal mit seiner Streitmacht genommen haben könnte:

  • Der gängigste Weg, bekannt als Nordroute, den die Karthager eingeschlagen haben könnten, verläuft nordwärts entlang dem Fluss Isère um dann beliebig über den Col du Mont-Cenis oder am Col de Clapier in die Po-Ebene hinabzusteigen.

  • Eine andere Möglichkeit, die Mittlere Route, folgt ebenfalls der Isere über das Pelvoux-Gebirge zum Fluss Durance und von dort entlang den Col de Montgenèvre ebenso hinab ins Po-Tal.

  • Die Südroute, die bisher kaum als Option wahrgenommen wurde verläuft durch das Drôme-Tal über den Col de Grimone zur Durance und von dort über den Col de la Traversette zum Po-Fluss.

 

Topografie begünstigt die Südroute

In der wissenschaftlichen Forschung richtet sich der Blick auf die besagte Nord- bzw. Südroute. Gerade hier gibt es in der Hannibal-Forschung zwei besonderer Verfechter, die beide gute Gründe für ihre favorisierten Gebirgspfad liefern. William Mahaney von der kanadischen York University ist überzeugt, dass Hannibal die Südroute genommen haben muss. Mahaney greift hier auf schriftliche Vorlagen von Polybius und Livius zurück, die Jahrzehnte nach Hannibals Alpen-Überquerung erste Schriften dazu verfassten. Trotz unterschiedlicher Aussagen fasst Mahaney zusammen, dass beide Schreiber Ereignisse und Feindkontakte schildern, die Hannibal nur auf der Südroute widerfahren konnten. Dazu kommt, dass die landschaftlichen Verhältnisse auf dieser Route Hannibal und seiner Streitmacht mehr zugesagt haben könnten als beispielsweise jene auf der Nordroute.

 

Nordroute ist einfacher als die im Süden

Dagegen hält Mahaneys US-Kollege Patrick Hunt von der Stanford University, der als Verfechter der Nordroute gilt. Er hält zwei Gründe bereit, warum Hannibal nicht die Südroute gewählt haben könnte: Der erste lautet, dass der karthagische Feldheer, laut Polybius, einen Tagesmarsch vom Col de la Traversette in einen keltischen Hinterhalt geriet. Tatsächlich liegt diese Passhöhe 30 Kilometer von der Queyras-Schlucht entfernt, von wo Hannibal aufgebrochen sein muss. Für Hunt ist es unwahrscheinlich, dass Hannibal mit seinem Tross diese Strecke innerhalb eines einzigen Tages absolvierte. Hunts zweite Begründung, warum Hannibal die Nordroute passiert haben dürfte, ist die Ausschlagung eines Heereslagers, die am Col de Clapier wahrscheinlicher erscheint als am Col de la Traversette. Letzterer hätte für ein großes Heereslager nicht genügend Platz geboten.

 

Aufgliederung auf beiden Routen möglich

Es ist bekannt, dass schon zu Hannibals Zeiten und davor beide Routen als westalpine Handelswege bekannt waren. Die lokalen Führer, die der karthagische General um sich geschart hatte, müssen beide und möglicherweise auch andere Passagen gekannt haben. Es ist daher anzunehmen, dass Hannibal wahrscheinlich beide Routen nutzte, um ein rasches und problemloses Vorankommen zu gewährleisten. Ein weiterer Grund, warum Hannibal sein Heer auf beiden Routen ziehen lässt, ist der nahende Winter. Somit stehen die Karthager unter Zeitdruck das alpine Gelände innerhalb von Wochen zu passieren. Eine Aufteilung des Heeres macht Sinn: So hätte man genügend logistische Vorteile wie etwa für die Versorgungswege der Truppen sowie für eine rasches Vorrücken durch das alpine Gelände Mitteleuropas.

 

Fragen nur durch Ausgrabungen beantwortbar

Die endgültige Klarheit, welche Route oder beide für Hannibal auschlaggebend waren, ist, laut Ansicht der aktuellen Wissenschaft, Gegenstand weiterer Ausgrabungen und Untersuchungen. In der Vergangenheit konnte so manche sensationelle Entdeckung den Beweis für eine Alpen-Überquerung erbringen, wie etwa durch den Franzosen Maximilien Henri de Saint-Simon, der im 18. Jahrhundert am Kleinen St. Bernhard über den Fund eines Elefanten-Skeletts berichtet. Weitere Entdeckungen will man im Verdon-Tal gemacht haben, wo antike Helme und Wurfspeere zum Vorschein gekommen sind. Auch soll man karthagische Münzen in der Nähe von Saint-Jean-de-Maurienne ausgegraben haben. Doch keine dieser Entdeckungen konnte wirklich belegt werden, somit bleibt es fraglich und spannend, was die Berge sonst noch alles preisgeben.

 

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