Als Liebling der Götter muss die Heldenfigur Shivudu im indischen Fantasy-Blockbuster „Baahubali – The Beginning“ alpine Landschaften bezwingen. Ihr vorgegebenes Schicksal ist dabei nur ein Element – der stark-armige Haudegen muss auch seinen Kopf nutzen um die Berge zu überwinden.

 

Das indische Kino ist ein magischer sowie sagenhafter Ort und beherbergt eine Vielzahl von Legenden und Erzählungen. Geschichten, die im indischen Film immer wieder neu erfunden und ergründet werden. Geht man vom Ursprung indischer Geschichten-Erzählung aus, so beziehen Indiens Filmschaffende viele Stories aus den Nationalepen Mahabharata und Ramayana. Beide Kunstdichtungen reichen Jahrhunderte zurück und dienen bis heute als Wegweiser für die hohe Erzählkunst des indischen Subkontinents und seiner Bewohner.

 

Legendäre Erzählung als modernes Medium

Heute nähert sich das indische Kino immer stärker an ein weltweites Publikum heran. Waren es einst heimatliche Epen mit nationalen Anspruch wie „Mother India“, so entwickelte sich später Indiens Filmindustrie und -kultur mit Produktionen wie „In guten wie in schweren Tagen“ oder „Kuch Kuch Hota Hai – Und ganz plötzlich ist es Liebe“ zu einer Art Kulturbotschafter für Non-Resident-Indians, sprich für Inder, die nicht im Mutterland geboren sind bzw. außerhalb diesem leben. Indiens Globalitäts-Anspruch bricht allmählich mit diesen Strukturen, die sich über Jahrzehnte speziell im Bollywood-Film etabliert haben.

Trotzdem gibt es immer noch Produktionen, die diesen Konventionen folgen: Sie zeigen weiterhin stereotype Figuren, wie man sie bestens aus dem indischen Film kennt. Held und Heldin entstammen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten – und es gibt auch keinen kritischen Umgang mit den kulturellen, familiären oder politischen Gepflogenheiten. Sie werden nicht in Frage gestellt! „Baahubali – The Beginning“ ist das beste Beispiel dafür, wie man alte Legenden in ein modernes Medium, den Film, überträgt und dabei auf modernster Filmtechnik zurückgreift.

 

Atemraubende Berge im teuersten Bollywood-Film

Gleichzeitig hebt das mit phantastischen Elementen angehauchte Historien-Epos all jene Merkmale hervor, die sehr typisch für einen Bollywood-Streifen sind. Dabei muss man beachten, dass der Filmerfolg von 2015 eigentlich keine richtige Bollywood-Produktion ist. Trotzdem greift der in Tollywood entstandene Streifen viele Elemente Bollywoods auf. Als Tollywood bezeichnet man jene Filmindustrie Indiens, die in der Telugu-Sprache im Südenosten des Subkontinents entstehen. „Baahubali“ ist mit einem Budget von mehr als 26 Millionen Euro nicht nur die teuerste Tollywood-Produktion, sondern auch die kostspieligste in Bollywood. Besonders umfangreich wurde in die Darstellung der Landschaften investiert, speziell in die weiten Bergszenarien: Ob im Nebel eingetaucht, mit dichten Wäldern bedeckt oder mit Wasserfällen überhäuft.

Für die Hauptfigur Shivudu, gespielt von Prabhas („Action Jackson“), sind die Berge nicht nur eine natürliche Barriere, sondern ein wiederkehrender Gegner, der stetig abgewehrt werden muss. Shivudu wird zu einem Höhenbezwinger stilisiert, in dem er immer wieder seine Kletterkunst unter Beweis stellt. Ob als waghalsiger Freeclimber an einen Wasserfall-Felsen oder als Schlittenfahrer, der einer Berglawine entkommen muss. Mit seinen „starken Armen“ stellt er sich jedem Hindernis und wagt sich in Höhen jenseits der Vorstellungskraft Normalsterblicher.

 

Eine mythologische Figur und ein Comic-Held

Regisseur S.S. Rajamouli („Eaga“) zeigt Shivudu weniger als einen historischen Charakter, sondern stellt ihn als mythologischen Helden mit übermenschlichen Kräften und äußerst kräftigen Armen dar. Der Filmemacher nimmt die Anleihen für die Hauptfigur aus dem Amar Chitra Katha. Eine Art Comic-Buchreihe, die seit den sechziger Jahren ihre Erzählungen und Helden aus der indischen Mythologie bezieht. Die sagenhafte Figur des Bahubali, des One with strong arms, folgt in der Jainismus-Religion Indiens einen anderen Ursprung.

In der Glaubenswelt der Jains erlangt Bahubali Erleuchtung und Selbsterkenntnis auf dem Berg Kailash. Dort befreit er sich auch von den Zyklen der Geburt und des Tods. Regisseur Rajamouli präsentiert Shivudu als eine Art göttliche Inkarnation seines Vaters, des Titelhelden Bãhubali. Dieser erhält mehr Screen Time in der zweiten Hälfte des Films und wird ebenfalls von Prabhas verkörpert. Die Bergwelt in „Baahubali – The Beginning“ präsentiert sich als ein Ort des Neubeginns und der Wiedergeburt.

© Splendid Film

Schon als kleines Kind wird Shivudu aus den Wasserfluten gerettet – eine bedeutungsvolle Szene, die für den Film fast schon einen ikonographischen Charakter bekommt. Es hat den Anschein als wurde Shivudu aus den Fluten geboren. Seine Neubelebung erhält der Erbe Bãhubalis als dieser die Klippen mit den Wasserfällen bezwingt. Um diese Wasserfall-Klippen zu überwinden, bedient sich Shivudu mehrerer Hilfsmittel. Zunächst fast einen Frevel an der Gottheit Shiva als er einen Linga-Stein vom Dorfplatz wegträgt und diesen unter dem Wasserfall stellt, um sich göttlichen Beistand und Segen zu holen.

Dabei spült ihm der Wasserfall eine Holzmaske in die Hände, die ihn erneut dazu motiviert, die nasse Höhe zu bezwingen. Denn die Maske entpuppt sich als das Abbild einer feenhaften Frau, die ihn in seiner Vorstellungskraft – singend und tanzend – dazu antreibt, die Spitze der Wasserfälle zu erreichen. Rajamouli zeigt in dieser Gesang-Sequenz eine der atemberaubendsten Aufnahmen, wenn auch etwas einfach zusammengeschnitten. Es bleibt interessant Shivudu dabei zu beobachten wie er am Ende dieser gesanglichen Szenen-Abfolge mit selbstgebauten Pfeil und Bogen die letzte Klippe erringt.

© Splendid Film

Obwohl Shivudu mit göttlichem Segen die Berge erringt, entpuppt sich die Bergwelt als kein alpines Paradies – das Hochland bleibt ihm feindlich gesinnt. Der Sohn Bãhubalis entdeckt in der Kriegerin Avanthika, gespielt von Tamannaah Bhatia („Humshakals“), das Antlitz jener sagenhaften Frau, die ihn über den Wasserfall geleitet und verliebt sich prompt in sie. Ihre entflammte Liebe versetzt sie kurzzeitig in einer gebirgigen Traumwelt, die Regisseur Rajamouli geschickt als eine weitere Gesang-Sequenz in Szene setzt. Doch das augenblickliche Glück der beiden ist nicht von langer Dauer.

 

Mit Steinen eine Geschichte ins Rollen gebracht

Denn ihre Feinde aus der königlichen Stadt Mahismati haben es auf die Rebellin Avanthika und den rechtmäßigen Thronerben Shivudu abgesehen. Die Verfolger treiben das Paar weiter höher in die Berge, wo Shivudu eine Steinsäule zu Fall bringt und eine Berglawine auslöst, welche die Häscher in den Abgrund reißt. Die Helden retten sich mit einen besonderen Einfall: Shivudu schlägt aus einen zweiten Felsen eine Steinskulptur heraus, die einem Schlitten ähnelt und der flott den Bergabhang hinunter gleitet.

Während die Lawine herunter rast und ganze Nadelwälder mitreißt, schlittern Avanthika und Shivudu mit ihrem Gefährt bis zum Rande eines Abgrunds den die Helden dank göttlich-schicksalhafter Hilfe überfliegen. Diese bestandene Feuerprobe im Eis und Schnee ist zugleich Zeichen dafür, dass Shivudu und Avanthika nur gemeinsam ihr Schicksal bestehen können. Eine Zusammenfügung, deren Folgen sich jedoch im Zweiten Teil „Baahubali 2 – The Conclusion“ schlussfolgern lassen, welchen Plan die Götter tatsächlich für die beiden geschmiedet haben.

 

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